VOGUE about Berlinized

Berlinized is one of the best Berlin Films, says VOGUE

“Eine Doku, die eine heute vergessene Künstler- und Avantgarde-Szene der 90er-Jahre jenseits von Hype und Techno zeigt: “Ein sehr schöner Film über eine Zeit, als Berlin die aufregendste Stadt dieses Planeten war und noch nicht die halbe Welt davon wusste. Ich bitte Sie – geniessen Sie”, rät etwa Dirk von Lowtzow, Sänger von Tocotronic.”

http://www.vogue.de/people-kultur/kultur-tipps/top-10-berlin-filme-berlin-bewegt

Berlinized Review by Christoph Jacke for testcard #24

BERLINIZED. SEXY AN EIS

Ein Film von Lucian Busse                                                                           24.12.2014

Der Künstler und Musiker Jim Avignon bringt es auf den Punkt: Wenn man das Gefühl hat, nicht nur selbst dauernostalgisch zu sein, sondern, viel schlimmer, einem das von außen, also von anderen, zugeschrieben wird, weil man ja eben zu einer bestimmten Zeit mal künstlerisch prägend war, wenn man oder das eigene Schaffen dadurch allmählich immer fester auf diese Zeit bezogen wird, obwohl die Erde sich bekanntlich weiter gedreht hat, dann ist es in der Tat Zeit, ausdrücklich weiter zu ziehen, neue Ufer zu entdecken. Avignon selbst hat das durch sein mehrfaches Verlieben in New York getan.

Und ist voran geschritten, ohne seine Geschichten zu verleugnen. Wieso auch? Hat er überhaupt nicht nötig. Avignon und mit ihm sehr viele Musikerinnen, Künstler, Journalisten und Kreative stehen für eine bestimmte Aufbruchsphase in der (neuen) Bundeshauptstadt Berlin. Wenn man also mit Berlinized − Sexy an Eis entspannt zurück schaut und damit hier per Filmdokumentation so etwas wie eine »filmed oral history« festhält, dann ist das von Regisseur Lucian Busse nicht nostalgisch gemeint oder inszeniert. Sondern es wird von der Produktionsseite und den hier vorgestellten Protagonisten nach den Ursprüngen dieser später vermarkteten armen Sexiness und sexy Armut geforscht und immer wieder belegt, dass deren Suche nach Neuem oftmals aus einer produktiven Naivität heraus geschah.

Mit 25 geht man mit Raum und Zeit eben anders um als mit 45. Die Twens und das Berlin der 1990er Jahre gehören unwiderruflich zusammen: Als erst die Mauer gefallen war und alles in den − aus westdeutscher Hipster-Perspektive − Osten strömte, da wurde klar, dass diese große Stadt Berlin zwischen neuem Deutschland und selbstorganisierter, irgendwie auch anarchistischer Clubkultur ein faszinierendes Janus-Gesicht erhalten sollte (so sie das nicht mit anderen Konnotationen immer schon hatte).

Von diesen neuen Räumen, in denen sich künstlerisch und freizeitmäßig eingerichtet wurde, in denen auch beides unaufhörlich zusammen fallen sollte, berichtet diese einfühlsame Dokumentation. Busse gelingt es, weder gefühlsduselig das früher immer grüner gewesene Gras abzufeiern, noch im Nachhinein despektierlich abzuwerten: ›Naja, damals, da waren wir jung und haben an den Quatsch geglaubt‹. Nein, Busse hat mit bewusst unspektakulären Vertreterinnen und Vertretern − und zwar zu gleichen Teilen − ausführlich und immer wieder gesprochen. Die Berliner Clubkunstkultur der 1990er Jahre zeichnete sich eben auch durch eine zumindest gefühlte Gleichberechtigung aus, und zwar vom Zapfhahn über das Kuratieren bis zur Bühne selbst. In Gespräch mit Jim Avignon, der Künstlergruppe Honey Suckle Company (SimGil, Kim Suckle und Ninja Pleasure), Hannes Romberg/Captain Space Sex, Vredeber Albrecht, dem Mitbegründer der Galerie berlintokyo oder Jan Edler vom Kunst & Technik ergibt sich eine Art Narration aus vielen Unter- und Seitengeschichten zu den jungen und unetablierten Club-, Musik- und Kunstszenen Berlins zwischen Trash, DJ-Kultur und elektronischen Experimenten in Sachen Musik und Medien.

Da gab es eben aus aller Herren Bundesländer zugereiste Ideengeber, die in Berlin die Möglichkeiten hatten, einfach selbst loszulegen und etwas neu aufzubauen, auch im Umbruch nach den kalt-kriegerischen, heroinigen 1970ern (Bowie, Pop) und 1980ern (Neubauten, Nick Cave, Crime & City Solution). Dass dieses dann später und vor allem heute geordneter und größer in Form von weniger chaotischen und spontanen Events wie den Großstadtstränden, Kunstclub- Parties oder Vermengungen aus Hoch- und Popkultur führte, macht den Wert der ursprünglichen Originalitäten nur um so deutlicher.

Und während sich die Billigfliegerund Druckbetankungs-Touris damit in homöopathischen Dosen anfreunden, sind mit Sicherheit schon längst woanders wieder Twens dabei neue innovative Welten zu basteln und zu bauen.

Berlinized − Sexy an Eis (nach einem selbst gemischten Drink in der Galerie berlintokyo benannt) wird von von Songs der Erwähnten plus einem Mina-Auftritt und eigens für den Film eingespielter Musik von Sofie Hein aka Lucyhoneychurch zwischen Techno, Indietronics, smoothem BigBeat und TripHop untermalt. Damit arbeitet der Film nicht nur unaufgeregt und charmant zwischen Originalaufnahmen und neuen Interviews, zudem sehr vielen wortlosen Stimmungen ein Stück Stadt- und Popkulturgeschichte auf, sondern vermittelt die bis in die späten 1990er und schichte auf, sondern vermittelt die bis in die späten 1990er und frühen 2000er Jahre stark und beständig zu spürende Stimmung unter bestimmten,miteinander vernetzten Leuten in Berlin auf. Für Zeitzeugen, die ja höchstselbst ebenso wie Jim Avignon eine Weiterentwicklung erfahren haben, darf aber auch mal eine kleine Sentimentalität erlaubt sein: Ich habe sofort einen alten Kitty Yo-Sampler aus dem Regal geholt und gehört und stehe wieder zwischen Diederichsen in der WMF-Reihe, mit Nikki Sudden, Emilio Winschetti oder Hugo Race an der verrauchten Theke des Ex’n’Pop, bei Rechenzentrum und Supercollider in der Volksbühne, »Grillabenden« in Mitte oder auf einer Party um einen rappenden Gonzales.

Heute wird der Pullover eben leger über die Schulter gehängt, Ärmel verschränkt vor der Brust. Damals war es die Clubwear. Die (guten) Menschen sind ja im Kern sie selbst geblieben.

[ D 2011, 83 Min., Berlinized/darling berlin ]
Christoph Jacke

www.testcard.de

Freshmilk TV about Berlinized

Berlin in den 90ern – Kulturumbrüche

Neben den großen politischen Umbrüchen und der kommerzialisierten Technokultur prägte auch ein heute eher vergessenes Paralleluniversum das Lebensgefühl der Stadt: Die Welt der Kellerbars und Hinterhofkreativen. In den freien Häusern und Wohnungen in Berlin-Mitte zelebrierte nach dem Fall der Mauer eine Szene sehr verschiedener junger Menschen eine unbekümmerte Freiheit. Lucian Busse hat einen Film darüber gemacht und Archivmaterial zusammengetragen.

Experimente und Events in Berlin: Berlinized

Man lebte in Berlin von einem Event zum nächsten Experiment und betrieb die Ent-Etablierung von Kunst und Markt ganz spielerisch während die Freiräume mit immer neuen unpersönlichen Bürogebäuden gefüllt wurden.Unsere Reportage über Berlinized Sexy an Eis taucht ein in diese kreative Welt. In nie gezeigten Archivaufnahmen öffnet der Film, ein lebendiges Fenster in die Vergangenheit.Freshmilk.TV besuchte für euch interessante Locations dieses Zeitgeschehens.

Berlinized: Sexy an Eis

Berlins Tagesspiegel about Berlinized 21.05.2012

Filmemacher Lucian Busse und die Musikerin Sofie Hein
Copyright: Georg Moritz
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Georg Moritz, Schlo§str. 28, 12163 Berlin, Tel 0175-2000869

Freunde der Nacht. Kameramann Lucian Busse war in den 90ern stets mit seiner Videokamera in den unzähligen improvisierten Clubs

Eine Zeit, so unbeschreiblich wundervoll

In der Clubdoku „Berlinized – Sexy an Eis“ zeigen Lucian Busse und Sofie Hein die Partyszene der 90er.

von
Ein Anruf brachte alles ins Rollen, Lucian Busse erhielt ihn vor drei Jahren. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau, die er nach der Wende beim Feiern kennengelernt hatte. Ihr war eingefallen, dass er, Busse, in den 90er Jahren stets mit einer Videokamera im Berliner Nachtleben unterwegs gewesen war und dabei auch einen ihrer Tanzauftritte auf der Insel der Jugend in Treptow gefilmt hatte. Ob er das Video noch habe und ihr eine Kopie davon zukommen lassen könne, fragte die Frau. Also begab sich Lucian Busse in seinen Keller und kramte die Kisten hervor, in denen er die Kassetten von damals aufbewahrte, 150 waren es insgesamt. Beim Anschauen der alten Aufnahmen, beim Eintauchen in die eigene Vergangenheit kam ihm die Idee, aus dem Material eine Dokumentation über die damalige Zeit zu machen.

Wie aufwendig das sein würde, vermochte der gelernte Cutter und Kameramann zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen. Tatsächlich dauerte es Monate, um die Videos am Computer zu digitalisieren, einige Aufnahmen waren in der Zwischenzeit unwiederbringlich beschädigt. Und dann plagten Lucian Busse immer wieder Zweifel. Würde das Material wirklich eine Geschichte hergeben? Sofie Hein, eine langjährige Freundin und Wegbegleiterin, schob diese Bedenken beiseite und motivierte ihn, weiterzumachen. Mit Erfolg. „Berlinized – Sexy an Eis“ heißt der Film, der beim „Achtung Berlin“-Festival im April Premiere feierte und kommenden Donnerstag im Kino Zukunft am Ostkreuz zu sehen ist. Im Anschluss an die Vorführung gibt es noch ein Konzert von Sofie Hein alias Lucyhoneychurch, die den Soundtrack zum Film produziert hat und die Musik live mit Andrew Unruh von den Einstürzenden Neubauten aufführen wird.

Die Dokumentation ist „eine reflektive Zeitreise in das Berlin-Mitte der 90er Jahre“ geworden. Busse porträtiert die Anfänge von Berlins Clubkultur, die teils anarchischen Zustände, die Experimentierfreude und den Tatendrang ihrer einstigen Protagonisten. Zu Wort kommen unter anderem Jim Avignon, Musiker Captain Spacesex und Kim Suckle, Mitglied der Künstlergruppe Honeysuckle Company. Mit ihnen, seinen „Freunden der Nacht“, zog Busse einst durch die Stadt. Er begleitete sie zu Partys, Auftritten und gefakten Modenschauen. Immer dabei: seine Kamera, mit der er Material für seine eigene Videoshow „Alien TV“ sammelte, die er unter anderem im „Eimer“ in der Rosenthaler Straße zeigte. Um „Alien TV“ noch bekannter zu machen, mietete er einst sogar einen Truck für die Loveparade, Sofie Hein nähte ihm zur Verzierung des Lastwagens Aliens aus Stoffresten.

Den alten Aufnahmen setzt Lucian Busse in „Berlinized“ Bilder und Interviews von heute entgegen. So begleitet er etwa die Künstlerin Nina Rhode beim Spaziergang durch die Auguststraße, wo sie einst mit Freunden die „Bügel-Bar“ betrieben hatte, einen kleinen Laden, dekoriert mit in fluoreszierende Farbe getauchten Kleiderbügeln. Das Haus ist heute komplett saniert. Damals, erinnert sich Rhode, habe es keine Tür zur Straße gegeben, so dass die Gäste durch die Fenster einsteigen mussten. Das schmälerte nicht die Beliebtheit der Bar.

In einer anderen Szene sieht man einen Auftritt der Band Mina in der Galerie „Berlintokyo“. Betreiber Vredeber Albrecht war Mitte der 90er Jahre auf die Räume in den Hackeschen Höfen aufmerksam geworden und wollte hier einen Treffpunkt für Menschen schaffen, die sich für Kunst und Musik interessieren. Um dem Ganzen einen internationalen Touch zu verpassen, sollten abwechselnd deutsche und japanische Künstler ausstellen. In der Praxis scheiterte das aber daran, dass der Kontakt zu japanischen Künstlern fehlte. Also griffen die Betreiber und ihre Freunde einfach selbst zu Pinsel und Farbe und gaben sich asiatische Pseudonyme. Das Publikum störte sich daran nicht. Was vielleicht auch am „Sexy an Eis“ lag, einem Drink, dessen Rezeptur Vredeber Albrecht selbst 13 Jahre nach der Schließung der Galerie nicht verraten, den er aber selbst nie getrunken haben will. Immerhin ist der Drink so legendär, dass er nun den Untertitel zu Busses Film liefert.

„Diese Zeit, die wir da erlebt haben, war wirklich so unbeschreiblich wundervoll“, sagt Lucian Busse. 1987 zog der gebürtige Schwabe nach Berlin, mit nichts weiter als einer Tüte voller Anziehsachen und ein bisschen Geld. Pläne habe er damals keine gehabt, er habe sich einfach treiben lassen wollen, erzählt der 46-Jährige. Wahrscheinlich war dieses Sichtreibenlassen nie einfacher als nach dem Mauerfall, als die Hinterhöfe in Mitte noch grau und verfallen waren und Raum für absurde Ideen boten, bei denen es nicht ums Geldverdienen ging. Jim Avignon formuliert es im Film so: „Bis Ende der 90er gab es die Idee einer Karriere gar nicht.“

Er sei sehr glücklich, diese Zeit erlebt zu haben, sagt Lucian Busse. Aber zurück sehne er sich nach ihr nicht. „Ich lebe in der Gegenwart, das ist mein Prinzip.“ Ähnlich sieht das Sofie Hein, die Anfang der 90er Jahre nach Berlin kam, hier Psychologie studierte und nebenbei das Musikmachen für sich entdeckte. „Für mich ist es ein komplett entschwundenes Land“, sagt die 47-Jährige. Wenn sie heute an den Orten vorbeikommt, an denen sie früher mit Freunden gefeiert hat, empfinde sie gar nichts mehr. „Aber das ist auch in Ordnung, die Gegenwart ist eine andere.“ Sie habe nur lange gebraucht, um das zu verstehen.

Kino Zukunft, Laskerstraße 3, Friedrichshain. 24. Mai, 20 Uhr

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